Person

EIN ALTER GRIECHE

Werner Schulze im Gespräch mit Werner Schulze

Werner Schulze

Photo: Franz Baldauf

Biographisches am Beginn? Kindheitsjahre im Schloss zu Payerbach, Volks- & Musikschule und Gymnasium in Wiener Neustadt und so weiter. Das wäre so langweilig wie eine Rede anlässlich der Verleihung des Professorentitels.

Also anders. Mit 14 erste große Liebe. Die schöne Dame hieß und heißt immer noch: griechische Sprache. Ein paar Jahre später, als Schulze zu studieren begann, wurde gewollt, er solle Jurist oder Schulmusiker werden. Doch das Jus-Studium beendete er nach einer Woche, das Schulmusik-Studium nach einem Jahr.

Schulze lag aber vielmehr daran, seine humanistischen Ziele zu verfolgen, die in der Liebe zum Griechischen zum Keimen gekommen waren, und wurde auf diese Weise zum pythagoreischen Platoniker. Während andere sich dem Neugriechischen zuwandten und sogar einen Partner dieser Muttersprache ehelichten, beschritt Schulze den sicheren Weg: Er studierte Altbabylonisch. Da bestand keine Gefahr, dass ein weibliches Wesen dieser Sprache ihm begegnen könnte; die Töchter des alten Gesetzgebers Hammurapi redeten schließlich in anderer Zunge als heute die schönen Frauen im leidgeprüften Irak.

Nach dem Studium kehrte er zum Griechischen zurück und schrieb seinen SOKRATES. Böse geurteilt: Es riecht nach Schul-Drama, Jesuiten-Theater. Gut beurteilt: Das Stück ist eine Notwendigkeit in unserer Zeit und wurde deswegen im Jahr 2003 aufgeführt. 2004 folgte ANCHIBASÍE, 2005+2007 OIDIPUS TYRANNOS, mitsammen also eine Antike-Trilogie. 2008 schloss sich ME<le>A an, den Reigen komplettierend, bevor PROMETHEUS GEFESSELT mit der indonesischen Theater-Tanz-Musik-Gruppe „Teater Tetas“ 2015/16 einen vorläufigen Schlusspunkt setzte.

Sowohl in seiner künstlerischen Tätigkeit wie auch in seiner 40 Jahre währenden und mittlerweile beendeten Funktion als Universitätsprofessor ist ihm das Griechische treu geblieben. Übrigens ist Schulze der Meinung, Universitätslehrer sei ein leichter Beruf, denn als solcher muss man nur zwei Dinge können: 1. klar denken; 2. das klar Gedachte klar formulieren. Schon aufgrund dieser Tatsache, so sagte er mir einmal, würde er diesen Beruf wieder ergreifen, sollte ihn unsere Welt nochmals wünschen. Schulze weiß auch, dass er in seinem Beruf ein Privilegierter war: Einen solchen Kreis von Studenten gehabt zu haben wie er, das stellt eine besondere Auszeichnung dar. Privilegiert ist er außerdem, weil er in 4 Jahrzehnten Hochschuldasein nie in irgendwelche Kollegial-Organe gewählt worden ist.

Typisch für Schulze war, dass er am 20.02.2002 einen Vortrag zur doppelten Spiegel-Symmetrie gehalten hat (20/02//20/02) und dass er zu seinem 50. Geburtstag, den er im Kreis von 50 Freunden feiern konnte, ein 50-seitiges Heftchen herausgebracht hat: DER SCHATTEN SEELE. Wo viel Licht, da viel Schatten, meint er; und nachdem er sich schon lange mit der platonischen Licht-Metaphysik beschäftigt hatte, schien die Zeit reif für die schulzeische Schatten-Metaphysik.

In Gesprächen legt Schulze Wert auf die Feststellung, dass er von keiner Gruppierung gefördert oder geschoben worden ist, er also von keiner Gruppe abhängig ist: nicht von Freimaurern, schlagenden Verbindungen, Evangelischen – aufgrund seiner Schwerpunktsetzung auf die vorlutherische Zeit ist er ein untypischer Evangelischer – , Wirtschaftsbund, politischen Parteien, von der Gewerkschaft, … Sowohl aus dem Alleinsein wie aus der Begleitung mit Freunden gewinnt er Kraft.

Eines hat er nie gelernt: Lobbying. Und er vermeidet, im Reden, Denken und Lesen, ein Wort: Gesellschaft. Korrekter: Es sind zwei Begriffe, die er nicht verwendet:

  1. Gesellschaft – außer vielleicht, wenn er sagt, ‚das is’ a G’sellschaft’. Denn in diesem Begriff sieht er bloß eine Seifenblase des sozialistischen Verstandes. Stattdessen spricht er von Gemeinschaft oder Gemeinschaften. Irgendwie ist er ein alter Grieche geblieben: Denn die pólis der Antike war auch keine Gesellschaft, sondern eine Gruppe von Gemeinschaften.
  2. Struktur: Wenn es geht, ersetzt er Struktur durch Organismus. Wenn es nicht geht, bewegt ihn der Sachverhalt nicht.

Einmal fragte ich Schulze, ob er einige wesentliche Begebenheiten seines Lebens anführen könne. Nein, sagte er, es könnten hundert sein. Drei zur Auswahl? Ja.

Erstens, dass er schon in jugendlichem Alter sowohl Immanuel Kant wie den Wiener Neustädter Philosophen Ferdinand Ebner entdeckt hat; zweitens, dass er Lehrer haben durfte, die zwei Generationen über ihm gestanden sind; drittens, dass ihm Gott genügend Energie verliehen hat, um in den Rückschlägen seines Lebens – auch im schwersten – wachsen zu dürfen.

Energie & Dankbarkeit, Dankbarkeit & Energie. Und immer wieder: Gelassenheit. Auch nachlassen, wo es angeraten ist, zumal im letzten Lebensquartal. Die Kraft und das Vertrauen, in Zwischenzeiten des Lebens geduldig warten zu können.

Im Leben Schulzes waren immer zur richtigen Zeit die richtigen Personen und Persönlichkeiten da, die sein Leben in eine entscheidende Richtung mitzulenken geholfen haben. Ob er wenigstens fünf nennen könne, fragte ich Schulze. „Ungern. Nenne ich fünf, könnte ich einer sechsten und siebenten Person Unrecht tun“, gab er zur Antwort. Dann aber nannte er doch die folgenden: Einen Menschen könne und müsse er nennen, der allein schon von seiner Lebenszeit her supra omnes stünde: seinen väterlich-großväterlichen „Vater-Freund“, den im 104. Lebensjahr verstorbenen Jenö Takács, durch den Schulze zum Weltbürger geworden ist. Ebenso Rudolf Haase, den Begründer der Harmonik in Wien, der ihm einen geistigen Kosmos eröffnet und den Berufsweg geebnet hat. Und die Frauen, denen er in Liebe verbunden war und die sein Leben entscheidend und in einer Weise geprägt haben, wie es nur Frauen vermögen: die eine, die seinen Geist und Kunstsinn geöffnet hat und ihn vier Jahrsiebente treu begleitet und vielfältig angeregt hat; die zweite, die sein Leben von Grund auf verändert, seinen Geist bestätigt und sein Herz geöffnet hat; die dritte, die eine Erfüllung vieler Herzensträume ermöglicht hat.

Danach dachte Schulze an die Legende vom Glockenspielständerschnitzer, in der er Ähnlichkeiten zu seinem Leben erblickt: „Es war einmal ein Glockenspielständerschnitzer, der wollte einen Glockenspielständer schnitzen, und er dachte dabei daran, wie viel Geld ihm wohl dieses Kunstwerk einbringen würde. Aber das Werk misslang. Und er begann von neuem und dachte bei der Arbeit daran, zu wie viel Ehre und Ruhm ihm das Werk verhelfen würde, und der Ständer misslang wieder. Da begann er zum dritten Male und dachte, er würde ihm die Liebe der Menschen bringen. Doch abermals misslang die Arbeit. Und schließlich dachte er nur daran, einen Glockenspielständer zu schnitzen. Da gelang ihm das Werk und brachte ihm Geld, Ehre und die Liebe der Menschen.“

Schulze gab mir noch ein längeres Interview – auch ein Wort, das er kaum verwendet. Also sagen wir lieber: wir führten ein Gespräch. Es war heitere Gelassenheit und Dankbarkeit in uns. Wir tranken Wein und spürten dabei den Anhauch des Göttlichen. De vino – divino – De vino divino. Er spielt gerne mit Buchstaben.